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Interview mit Andreas Tietjen vom Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Bremen

„Früher habe ich Computer gehasst!“

Bisher glänzt der Digitalunterricht in Deutschland nicht gerade mit Erfolgsgeschichten. Das Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Bremen ist eine Ausnahme. Hier werden unter anderem Lehrlinge im KFZ-Bereich überbetrieblich ausgebildet (ÜLU) und arbeiten digital – theoretisch, praktisch und sogar international. Der 57-jährige Ausbilder für Kraft-fahrzeugtechnik Andreas Tietjen erzählt, wie das funktioniert.

 

Herr Tietjen, Unterricht in Corona-Zeiten ist nicht leicht. Wie läuft es bei Ihnen?

A. Tietjen: Acht Stunden mit der Maske zu unterrichten ist natürlich anstrengend, aber es hat sich eingespielt. Wir haben strenge Hygienevorschriften, die Teilnehmer tragen Masken und Handschuhe, das Werkzeug wird nach jedem Nutzer desinfiziert. Natürlich kostet es Zeit – und die fehlt auch an anderer Stelle: Statt fünf kommen die Lehrlinge nur noch an drei Tagen zu uns.

 

Wie holen Sie das auf?

A. Tietjen:Den ersten Lockdown im Frühjahr habe ich genutzt und Vorbereitungskurse für Zuhause entwickelt, damit die Lehrlinge mit dem nötigen Theoriewissen herkommen und direkt an die Praxisstationen ge-hen. So können wir gut kompensieren. Ich habe schon vor Corona damit angefangen: In der ÜLU geht es ja mehr um die Praxis, aber dafür muss man natürlich die Theorie kennen. Wer die Vorberei-tungskurse macht, kriegt das viel besser hin.

 

Corona hat die meisten Bildungsstätten kalt erwischt, Sie hingegen sind digital gut aufgestellt. Warum tun sich viele so schwer mit der Digitalisierung?

A. Tietjen: Ich denke, man muss dafür offen sein – und ein Ziel haben. Ich möchte jeden Einzelnen durch die Prüfung bringen und wirklich auf das Berufsleben vorbereiten. Ganz ehrlich: Unsere Teilnehmer sind teilweise nicht in der Lage, eine Arbeitsanweisung richtig zu lesen, weil sie es in den Schulen nicht gelernt haben. Wie soll ich so jemanden motivieren, zu Hause ein Fachbuch zu lesen? Mit Animatio-nen, Bildern, interaktiven Schaltflächen geht es viel leichter. Ich muss aber gestehen: Früher habe ich Computer auch gehasst.

 

Und jetzt?

A. Tietjen: Und jetzt habe ich drei Bildschirme auf meinem Platz. Man wächst rein. Wir haben eine Welt der Technik – warum soll ich sie mir nicht zunutze machen? 2017 haben wir mit Electude angefangen und Schritt für Schritt aufgerüstet. Damals haben viele gesagt: Brauche ich alles nicht, ich mache mit mei-nen Zetteln weiter. Dann kam Corona.

 

Abgesehen von den Vorbereitungskursen: Wie sieht der digitale Unterricht bei Ihnen aus?

A. Tietjen: Wir haben seit kurzem Tablets, und die Teilnehmer bekommen darauf einen Leitfaden. Damit gehen sie an ihre Arbeitsstationen in unserer Werkstatt, wo sie Fehlersuche in der Elektrik machen, Ventile einstellen, Unterdrücke messen – die komplette Bandbreite. Wenn sie zum Beispiel einen Zahnriemen erneuern, müssen sie die Verkleidung abbauen und werden gefragt: Wie hoch ist das Anzugsdreh-moment für die Kurbelwelle laut Arbeitsanleitung? Am Tablet tragen sie eine Zahl ein. Ist die falsch, steht da: Bitte die Arbeitsanleitung nochmal lesen. Das wird automatisch ausgewertet, aber ich beurtei-le auch, wie sie mit dem Werkzeug umgehen, wie sie die Arbeit machen, stelle zwischendurch Fragen. Früher habe ich erstmal stapelweise Papier verteilt.

 

Sparen Sie jetzt Zeit?

A. Tietjen: Zeit und Geld – wir haben keine Kopierzeiten und Papierkosten mehr. Und ich muss nicht so viel kor-rigieren. Zumal manche ihre Zettel gerne mal zu Hause vergessen. So habe ich mehr Zeit, ihnen etwas zu zeigen und zu erklären. Im Moment ist es noch viel Arbeit, alles einzurichten, aber später hat man viel mehr Zeit für andere Sachen – ich ändere ja nicht jede Woche meinen Kurs.

 

Sie haben eigene QR-Codes hergestellt, die auf Electude verlinken. Wie funktionieren sie?

A. Tietjen: An den Arbeitsstationen werden bald zwei QR-Codes hängen, die die Lehrlinge mit ihren Tablets einscannen: Der eine QR-Code leitet sie automatisch zum Arbeitsblatt, mit dem anderen kommen sie zu den Theorie-Inhalten in Electude, damit sie nachschlagen können, wenn sie nicht weiterkommen. So hat jeder automatisch das richtige Arbeitsblatt für seine Arbeitsstation parat.

 

War es viel Arbeit, das zu entwickeln?

A. Tietjen: Nein, das ist nicht allzu kompliziert, den QR-Code-Scanner gibt’s im Internet.

 

Arbeiten die Azubis denn gerne digital?

A. Tietjen: Wir sind ja teils noch in der Vorbereitung. Einigen habe ich schon die Tablets gegeben und bisher sind alle davon überzeugt. Die Lehrlinge können Electude während der gesamten Ausbildung nutzen, auf fast allen Endgeräten. Wenn die das auch tun, haben sie wirklich mehr Hintergrundwissen. Das merkt man. In der letzten Prüfung haben diejenigen gut abgeschnitten, die regelmäßig mit Electude lernen – ich habe nachgeguckt. Und es wird langsam immer mehr. Davor hatten sie kaum Möglichkei-ten, sich zu Hause vorzubereiten, außer ins Fachbuch zu gucken.

 

Welche Vorteile bringt Ihnen Electude sonst noch?

A. Tietjen: Der Aufbau an sich ist super: Es gibt Animationen, interaktive Sachen, einen Motorsimulator. Ich kann Fehler in eine Motorsteuerung einbauen, einen Werkstattauftrag schreiben, Messgeräte freischal-ten und dann müssen sie Diagnose machen und ich kontrolliere im Hintergrund. Ich muss nicht zwi-schen Programmen hin- und herspringen, in Electude ist alles drin. Hin und wieder muss ich auf einen Lehrgang. Die Vertretungskraft wird einfach in Electude freigeschaltet und man spart sich die Über-gabe.

 

Sie arbeiten auch länderübergreifend mit Electude, zurzeit mit China. Was machen Sie da?

A. Tietjen: An einer Schule in Nantong wird gerade die duale Ausbildung nach deutschen Vorbild eingeführt. Erstmal im KFZ-Bereich, später vielleicht auch in anderen Gewerken. Dafür müssen die Lehrlinge aus rechtlichen Gründen in Deutschland ihren Gesellenbrief machen. Wegen Corona konnten sie nicht kommen und wir stellen für sie Kurse in Electude zusammen, damit sie in der Zwischenzeit lernen. Sie haben da auch Berichtshefte geschrieben und ich konnte immer sehen, was sie wann in der Schule gemacht haben. Mit China gibt’s noch das Problem, dass die Daten nicht aus dem Land herausgehen dürfen. Aber Electude hat einen Server in Shanghai, wir haben neue E-Mail-Adressen bekommen – und alles hat funktioniert.

 

Sie beantworten oft am Wochenende E-Mails von den Azubis, wenn sie in Electude nicht wei-terkommen und schreiben täglich Tests mit ihnen…

A. Tietjen: …und ich werde oft gefragt, warum ich mir die ganze Arbeit antue. Bei den Teilnehmern habe ich einen sehr strengen Ruf: Bei mir gibt’s kein Zuspätkommen, ein absolutes Handy-Verbot – und sie müssen arbeiten. Aber wenn ich die Leute erreichen will, muss ich ihnen auch Hilfsmittel an die Hand geben – und ich bin überzeugt, wir haben hier eine Umgebung geschaffen, in der das Lernen Spaß macht. Viele bedanken sich, wenn sie ihre Prüfungen bestanden haben. Einer kam mal zu mir und sagte: „Herr Tietjen, darf ich bitte ganz ehrlich was sagen? Ich habe Ihre Lehrgänge gehasst! Aber als ich in der Prüfung saß, habe ich an Sie gedacht“. Daran merke ich – vielleicht bin ich nicht ganz auf dem Holzweg.