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Interview mit Johann Tuchscherer von der BBS Buxtehude

„So kann man die Schüler gezielter fördern“

Johann Tuchscherer unterrichtet seit 2011 KFZ-Technik und Physik an der BBS Buxtehude. Be-reits mit vierzehn hat er Motorräder repariert und brennt für Technik genau wie für den Lehrer-Beruf. Der 39-Jährige macht sich für mehr Digitalisierung an den Schulen stark und gehört zu den ersten Electude-Nutzern.

 

Herr Tuchscherer, Sie engagieren sich in einer Materialkommission, um Digitalisierung an Berufsschulen voranzutreiben. Was machen Sie da genau?

J. Tuchscherer: Wir entwickeln digitale Lernsituationen für den Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik. Auf dem Land ist es nicht gerade gefragt: Viele Werkstätten bilden das nicht aus, die Schulen haben keine Ausstattung und keine umfangreichen Fachkompetenzen. Aber es ist möglich, Meister-schulen einzurichten, bei denen sich die Schüler dazu schalten könnten. Dafür erarbeiten wir einen Leistungskatalog: Welche Ausstattung ist nötig, welche Schulen können das umsetzen, wie müssen die Lehrer für diesen Hybrid-Unterricht ausgebildet werden? Das kann man auf an-dere Schwerpunkte ausweiten: Motorradmechaniker ist zum Beispiel auch ein Nischen-Schwerpunkt. Wir haben hier zwei Motorradmechaniker. Es ist sehr schwierig, nur für sie etwas zu machen. Aber in Burgdorf oder Braunschweig haben sie ganze Klassen, und für diese Fachinhalte könnten sich unsere Schüler per Fernunterricht dazu schalten.

 

So wären die Schulen vernetzt und die Schüler könnten gleichzeitig an mehreren Schulen lernen. Das klingt nach einer kleinen Bildungsrevolution.

J. Tuchscherer: Ja, das würde den Unterricht grundlegend umgestalten. Man hätte seine Stammschule und die Spezialisierung per Fernunterricht. Auch wenn die Schüler zum Beispiel krank sind, könnten sie trotzdem online zugucken und würden weniger verpassen.

 

Spätestens nach Corona sehen wir, wie sehr die Digitalisierung in Deutschland noch ha-pert. Wie klappt das bei Ihnen mit dem Fernunterricht?

J. Tuchscherer: Wir haben noch keine Corona-Fälle gehabt und sind bisher glücklich davon gekommen, aber manche Kollegen, die zur Risikogruppe gehören, unterrichten von zuhause. Insgesamt ist es deutlich mehr Arbeit geworden. Die Klassen wurden im Mai und Juni halbiert, damit die Abstän-de eingehalten werden können. Seit dem Schuljahr 2020 / 21 sind wir verpflichtet, zehn bis fünf-zehn Prozent des Unterrichts online anzubieten – die Schüler lernen in einem anderen Klassen-raum oder zuhause. In der Schule ist es auch kein Problem, hier läuft die Technik. Aber auf dem Land haben einige Schüler keine Notebooks, keine Kameras oder eine lahme Internetverbin-dung.

 

Das klingt chaotisch.

J. Tuchscherer: War es auch am Anfang. Wir unterrichten viele Geflüchtete, da scheitert es manchmal schon da-ran, das Passwort richtig einzugeben, zwischen 0 und O oder Groß- und Kleinschreibung zu un-terscheiden.

 

Bei einem handwerklichen Beruf leuchten die Vorteile der Digitalisierung nicht sofort ein. Als fachfremde Person denkt man eher an Werkstätten, in denen man sich die Hände schmutzig macht.

J. Tuchscherer: Man kann den Motor ja nicht einfach so ausbauen – dafür braucht man Anleitungen und Repa-raturleitfäden. Die gab es früher in Papierform, das macht kein Hersteller mehr. Jeder Azubi muss sich am Rechner einwählen und einen Reparaturleitfaden für dieses spezielle Problem finden können. Alle neuen modernen Werkstätten arbeiten digital. Viele Betriebe haben an je-dem Arbeitsplatz direkt einen Rechner – darüber laufen die Arbeitsaufträge. Für diesen Beruf muss man digital gerüstet sein und sich ständig weiterbilden, denn die Technik ist sehr kurzle-big. Wir sind mit Electude sowieso deutlich weiter als die meisten.

 

Sie nutzen Electude bereits seit 2012. Wie sind Sie darauf gekommen?

J. Tuchscherer: Wir haben keine Werkstatt in der Schule und das hat mich geärgert. Dann habe ich etwas ge-sucht, was im Werkstatt-Alltag nützlich wäre: Schaltpläne, Simulationen, so etwas. Und da sind wir auf Electude gestoßen.

 

Und wie setzen Sie es ein?

J. Tuchscherer: Im Unterricht zeige ich zum Beispiel etwas über den Beamer: Animationen zum Motoraufbau oder wie man einen Lichteinstelltest durchführt. Das besprechen wir dann zusammen. Oft mes-sen die Schüler etwas an realen Bauteilen, tragen ihre Ergebnisse aber direkt online ein. Wir können sowohl das Fachwissen als auch den Werkstatt-Alltag zum Beispiel mit der Fahrzeugda-tenbank abbilden. Ältere Kollegen nutzen das weniger im Unterricht, sie stellen die Module eher als Hausaufgaben rein.

 

Und außerhalb des Unterrichts?

J. Tuchscherer: Da gibt es zwei Bereiche: die Kenntnis-Nachweise und das Berichtheft. Die Azubis müssen selbständig ein Paket von Modulen bearbeiten, das nimmt zwei bis drei Stunden monatlich in Anspruch und bereitet auch auf Prüfungen vor. Zusätzlich führen sie ein Berichtheft. Früher wur-de das handschriftlich geführt – nun muss man nicht mehr manuell korrigieren, oft unleserliche Schriften entziffern oder das Heft noch mal zum Überarbeiten zurückgeben, das geht alles onli-ne und wird automatisch ausgewertet. So haben die Lehrer und die Betriebe einen besseren Überblick über die Kompetenzen der Schüler, können sehen, wie hoch die Fehlerquote ist, ob sie sich bemühen und regelmäßig was machen oder nicht.

 

Das muss eine große Erleichterung sein.

J. Tuchscherer: Ist es auch. Es ist ja nicht so einfach, bei zwanzig Schülern pro Klasse im Detail sagen zu kön-nen: Das kann er gut und da hat er Schwierigkeiten. So sehen wir, ob es ein Analytiker ist oder eher ein Praktiker, wo man ihn im Betrieb am besten einsetzt. Wenn man sieht, der Schüler hat Probleme in Elektrik, kann man ihn zu einem anderen Ausbilder zuordnen und so gezielter för-dern. Die Lehrer merken, wenn bestimmte Themen aufgearbeitet werden müssen, weil da oft Fehler gemacht werden. Das alles sieht man auf einen Blick. Durch Corona nutzen wir es noch mehr.

 

Lernen die Schüler denn so besser?

J. Tuchscherer: Ja, denn es ist animiert. Mit einfachen Bildern können die Auszubildenden oft wenig anfangen. Wir arbeiten zwar auch mit Lehrbüchern, aber viele sehen sie eher als Briefbeschwerer. (lacht) Es muss farbig sein, es muss sich bewegen, man muss Veränderungen sehen: Wenn dieser Sensor kaputtgeht, welche Komponenten fallen aus? Wenn ich hier etwas bewirke, wie verän-dert sich mein Motor? Außerdem können die Schüler die Lerngeschwindigkeit selber steuern – und auch die Menge. Gerade für Schüler mit Lernschwäche, die sonst von großen Inhaltspake-ten erschlagen werden, ist es wichtig. Das hilft, heterogene Schüler auf einen Stand zu bringen. Und gibt auch den stärkeren Schülern die Möglichkeit, sich weiter zu entfalten.